Moment mal...
Der Richter ist der Retter

Michael Bracht

Z
unächst scheint nichts Besonderes an diesem durchaus klassisches Motiv: In der Mitte Christus majestätisch auf einem Thron, seine Füße ruhen auf einem Schemel. Er ist der Herr.

Das unterstreichen die beiden Begleitfiguren: Maria und Johannes der Täufer. Johannes steht für das Alte Testament, ist er doch der letzte der Propheten. Maria steht für das Neue Testament. Sie hat Jesus geboren. Ein Mann und eine Frau, Alter und Neuer Bund. In ihnen ist die gesamte Menschheit präsent.

Maria Westlettnerund Johannes schauen zu Jesus auf, sie erheben die Hände und bitten ihn um Gnade. Doch Christus scheint gar nicht darauf einzugehen: Sein Blick geht in die Ferne. Ob er überhaupt wahrnimmt, was die beiden tun?

Oh, ja! - Denn er antwortet ihnen auf ganz eigene Weise – und das ist das ganz Besondere dieser Skulpturengruppe: Wer genau hinschaut, sieht, dass Jesus die Wundmale an Händen und Füßen trägt. Mehr noch und geradezu aufregend: Christus zieht mit der linken Hand sein Gewand zur Seite, damit alle seine Herzwunde sehen können. Dies also ist seine Antwort auf die Erbarmensbitten von Maria und Johannes.

Die faszinierende Botschaft dieses Jüngsten Gerichts: Der Richter ist der Retter! Der, der am Ende der Zeit über das ewige Schicksal der Menschen entscheidet, ist derselbe, der am Kreuz bitter gelitten hat, um alle Menschen zu erlösen.

Grandioser kann man kaum die Barmherzigkeit Gottes ins Bild setzten als es dieser Lettner tut!

Herzlich grüßt Sie, liebe Leserinnen und Leser,
Ihr Michael Bracht, P.



Ehem. Westlettner des Mainzer Domes, um 1239 (Ausschnitt)