Die Lücke zwischen den Fingerspitzen

Michael BrachtKaum ein Kunstwerk ist so oft reproduziert worden wie Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“ - zu sehen an der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Und doch lässt sich vieles neu entdecken bei genauerer Betrachtung dieses Bildes. Besonders spannend: die Lücke zwischen den Fingern.

Arm, Hand und Zeigefinger Gottes strecken sich Adam entgegen. Nicht von hoch oben, sondern fast auf gleicher Höhe mit ihm. Der Flugwind hat den Ärmel seines Gewands hochgeschoben, bis hinauf zur rechten Schulter. Er gibt Gottes kraftvollen Arm frei. Ein leises Lächeln umspielt zugleich seine Lippen. Als wäre seine Bewegung hin zu Adam getragen von einem großen „Ich liebe: ich will, dass du bist“.

DieMichelangelose Liebe aber braucht keine körperliche Berührung, um zu berühren. Und auf diese Liebe kann nicht allein Adam - im Glanz seiner ursprünglichen Nähe zu Gott - vertrauen, sondern alle Geschöpfe, jeder Mensch, gleich welcher Hautfarbe und Weltanschauung.

In diese Liebe weiß sich auch Michelangelo einbezogen. Trotz Ungewissheit und Zweifel. Trotz Verzweiflung über das eigene schöpferische Unvermögen. In einer kleinen Notiz hat er diese Gewissheit zu Papier gebracht: „Gott hat uns nicht geschaffen, um uns zu verlassen.“

Vielleicht ist in diesem Satz der Kerngedanke seines Bildes enthalten, das als „Die Erschaffung Adams“ weltberühmt wurde.

Herzlich
grüßt alle Leserinnen und Leser
Ihr Michael Bracht, P.



Gemälde: Michelangelo Buonarroti, Die Erschaffung Adams, 1508 /1512